Holbergpreis an international führenden Rassismus-Forscher

Gilroy - Foto:Vron Ware
Der britische Kulturwissenschaftler Paul Gilroy. Foto: Vron Ware

Der Holberg-Preis 2019 geht an den britischen Kulturwissenschaftler Paul Gilroy, wie heute bekannt gegeben wurde. Er erhält den Preis für seine wegweisenden Forschungen auf den Gebieten Rassismus und Ethnizität sowie Postcolonial Studies.

Der Holberg-Preis ist ein mit 6 Millionen norwegischen Kronen (ca. 620.000,- Euro) dotierter internationaler Forschungspreis für Geistes- und Sozialwissenschaften, Rechtswissenschaft und Theologie. Der Preis wurde 2003 von der norwegischen Regierung gestiftet. Mit dem Preis wird jedes Jahr ein Wissenschaftler ausgezeichnet, der die internationale Forschung in einer der betreffenden Disziplinen auf entscheidende Weise beeinflusst und geprägt hat. Gilroy wird den Preis am 5. Juni während einer feierlichen Zeremonie in der Universitätsaula der Universität Bergen entgegennehmen.

Paul Gilroy ist Professor am King’s College London und ist einer der bekanntesten britischen Wissenschaftler und Intellektuellen der Gegenwart. Seine Arbeiten haben große Bedeutung für eine Reihe von Fachgebieten erlangt, einschließlich Cultural Studies, Critical Race Theory, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Anthropologie und Afro-Amerikanische Studien. Besonders bahnbrechende Forschungsleistungen hat Gilroy mit seinen Arbeiten zur Schwarzen Diaspora in der westlichen Welt (The Black Atlantic World), zu Kolonialismus und ethnischen Hierarchien sowie zu diasporischen Relationen vorgelegt.

Sowohl als Kulturwissenschaftler als auch als Aktivist ist Gilroy bekannt für seinen furchtlosen Widerstand gegen alle Formen von Rassismus und Geschlechterdiskriminierung. Seine Arbeiten haben eine politische Dimension, indem er für eine Überwindung des Rassedenkens plädiert, das er sowohl in weißen als auch in schwarzen militanten Milieus verbreitet sieht. Zugleich betont er die Möglichkeit einer Koexistenz, die sich nicht auf Ethnizität oder Kategorien von Rasse gründet. Gilroy ist zudem als differenzierter Interpret einer ,schwarzen Ästhetikʻ hervorgetreten und hat zu Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen in afro-atlantischen Milieus geforscht und sie aktiv unterstützt.

„Meine Forschung wendet sich gegen die Beschränktheit eines Denkens, welches nicht allen Menschen denselben Grad an Humanität zugestehen will“, sagt Gilroy. „Insbesondere habe ich mich damit beschäftigt, welche Vorstellungen von Untermenschentum durch das Aufrufen von Rasse-Unterschieden evoziert werden, und habe versucht, Humanismus neu zu konzipieren, indem ich ihn so weit fasse, dass er moralisch und politisch angemessenere Dimensionen erhält“, erklärt er. „Für mich bereitet eine Kritik an Rassismus und Rassedenken den Weg zu einem klareren, tieferen Verständnis des Menschen und seines vieldiskutierten Wesens.“

Mutig und inspirierend

Gilroy hat sieben Monographien veröffentlicht, ist Co-Autor dreier weiterer Bücher und hat über hundert wissenschaftliche Artikel und Essays publiziert. Mit dem Buch There Ain’t no Black in the Union Jack (1987) etablierte sich Gilroy als einer der führenden Wissenschaftler zu rassistischen Kulturen in Großbritannien. Darin beschreibt er schwarze Geschichte als einen integralen, aber oft verschwiegenen Teil der britischen Geschichte. The Black Atlantic: Modernity and Double Consciousness (1993) markiert einen Wendepunkt innerhalb geistes- und sozialwissenschaftlicher Studien zur Diaspora. In diesem Buch führt Gilroy ein Netzwerkmodell für Kultur ein und argumentiert dafür, dass Rasse, Nation und Ethnizität als kulturell konstruierte Größen zu begreifen seien.

In Against Race (2000) stellt Gilroy abermals den Rasse-Begriff in den Mittelpunkt seiner Analyse. Darin legt er dar, dass das Rassedenken mit seiner Einteilung der Menschheit in verschiedene, durch die Hautfarbe begründete Identitätsgruppen die wesentlichen Errungenschaften der modernen Demokratie zu untergraben droht. In Darker than Blue: On the Moral Economies of Black Atlantic Cultures (2010) entwickelt Gilroy Ansätze W. E. B. Du Bois’ und anderer schwarzer Intellektueller weiter und erneuert sie, insbesondere durch Modelle von Gemeinschaft, die nicht auf Rassedenken basieren.

„Gilroy ist ein mutiger, inspirierender und prägender Wissenschaftler, und seine Arbeiten verhandeln viele der dringendsten Fragen unserer Zeit“, sagt die Vorsitzende des Holbergkomitees, Dame Hazel Genn.

Ansprechpartner, Sekretariat des Holberg-Preises: Pressereferent Ole Sandmo Tel. +47 98 00 18 78 [email protected]