Rede von Ministerpräsidentin Erna Solberg: Offizielle Entschuldigung Norwegens gegenüber den „Deutschenmädchen“

Solberg - Foto:Torbjørn Kjosvold/Forsvaret
Ministerpräsidentin Erna Solberg. Foto: Torbjørn Kjosvold/Forsvaret

Ansprache von Ministerpräsidentin Erna Solberg bei der Veranstaltung der norwegischen Regierung zum 70. Jahrestag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 17. Oktober 2018.

Sehr geehrte Damen und Herren,

vor 70 Jahren wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet. Und in nicht allzu ferner Zeit wird es 75 Jahre her sein, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.

Beides ist ein Grund für uns, zurückzuschauen und über unsere eigene Geschichte und unsere eigenen Erfahrungen nachzudenken.

Und es ist ein Anlass, auch unsere eigene Gegenwart zu betrachten.

Deshalb haben wir Sie eingeladen, um gemeinsam den Blick vor allem auf die Rolle von Frauen und ihre Verletzlichkeit in Kriegen und Konflikten zu richten.

In zwei Jahren, 2020, werden wir daran erinnern und dessen gedenken, dass der Zweite Weltkrieg 75 Jahre zuvor zu Ende ging.

Wir erlangten unsere Freiheit wieder. Kehrten zur Demokratie zurück. Die von uns hoch eingeschätzten Werte und Grundsätze standen wieder im Mittelpunkt. Hierfür hatten so viele gekämpft und sehr viel geopfert.

Endlich waren die Jahre der Besatzung, Jahre der Gewalt, Jahre der Tötungen vorbei.

Man kann die Stimmung erahnen, die nach der Befreiung herrschte.

Einerseits war die Freude unglaublich groß. Andererseits gab es aber viele, die nach den vom Krieg herbeigeführten Leiden voller Trauer und Zorn waren.

Die Grausamkeiten und die unermesslichen menschlichen Leiden während der beiden Weltkriege führten dazu, dass mehrere Staaten die Notwendigkeit erkannten, allgemein gültige Menschenrechte festzulegen.

Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Die Präambel der Charta der Menschenrechte beginnt mit diesen Worten:

„Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet, ...“

Eben diese in der Erklärung der Menschenrechte formulierten Werte – gleiche und unveräußerliche Rechte für alle – wurden kurz nach dem Krieg, in der ersten Zeit der neu gewonnenen Freiheit, auf die Probe gestellt.

Wie haben wir den Feind behandelt, über den wir gesiegt hatten?

Wie haben wir die Menschen behandelt, die ihr Land verrieten?

Und nicht zuletzt – wie haben wir die Mädchen und Frauen behandelt, die sich mit dem Feind in unserem besetzten Land einließen?

Nicht für alle bedeutete der 8. Mai 1945, dass nun Frieden für sie war.

In der Zeit nach der Befreiung Norwegens mussten viele Norwegerinnen, die ein Liebesverhältnis zu einem deutschen Soldaten hatten oder dessen beschuldigt wurden, eine unwürdige Behandlung über sich ergehen lassen.

Die damaligen Geschlechtsrollenmuster stellten ungleiche Anforderungen und Erwartungen an Frauen und Männer. Wer sich freiwillig dem Feind hingab, war in den Augen vieler eine Person, die nicht nur etwas von sich selbst preisgab, sondern auch etwas, das dem besetzten Heimatland gehörte – und dies wurde als Verrat am eigenen Land angesehen. Da man sich im Krieg befand, gab es Reaktionen, wenn jemand eine enge Beziehung zum Feind einging. So wie es diese Mädchen und Frauen taten.

Unsere Kenntnisse hiervon sind nach wie vor lückenhaft, wir wissen jedoch, dass es sich um eine sehr heterogene Gruppe handelte.

Für viele war es jugendliches Verliebtsein. Für manche wurde daraus eine dauerhafte Liebe zu einem Mann, der Soldat des Feindes war. Oder es war ein zunächst unbeschwerter Flirt, der doch das ganze Leben veränderte.

Die Art und Weise, wie diese Mädchen und Frauen behandelt wurden, hat sie und andere Betroffene stark belastet.

Bruch zwischen Schwester und Bruder. Zwischen Eltern und Tochter. Gebrandmarkte Familien.

Über Generationen.

Die Verurteilung der Mutter hat auch auf den Kindern gelastet und mag es weiter tun. 

Scham und Verschweigen waren ein Teil des Preises, den sie zahlen mussten. Und das Gerede der Leute, das Ausgestoßenwerden ebenso.

Wir haben uns nochmals damit befasst, wie die öffentlichen Behörden ihren Verpflichtungen als Organe eines Rechtsstaats nachgekommen sind.

Nach dieser Prüfung sind wir zu dem Schluss gekommen, dass norwegische Behörden einen wesentlichen Grundsatz des Rechtsstaats missachtet haben, nämlich dass kein Bürger ohne Urteil bestraft oder ohne gesetzliche Grundlage verurteilt werden darf.

Frauen und Mädchen wurden festgenommen und inhaftiert.

Ab dem Frühjahr 1945 wurden viele Tausend Frauen als „Deutschenmädchen“ verhaftet. Viele waren ohne irgendeine Rechtsgrundlage mehrere Monate lang im Gefängnis.

Im August 1945 änderte der norwegische Gesetzgeber das Staatsangehörigkeitsgesetz und machte es dadurch möglich, Frauen des Landes zu verweisen, die nach dem 9. April 1940 einen deutschen Mann geheiratet hatten.

Im Widerspruch zur norwegischen Verfassung gab man diesem „Eheerlass“ rückwirkende Kraft.

Die Behandlung dieser Frauen hält einer kritischen Betrachtung im Licht der grundlegenden Prinzipien eines Rechtsstaats nicht stand.

Vor diesem Hintergrund möchte ich heute – im Namen der norwegischen Regierung – um Entschuldigung bitten für die Art und Weise, wie norwegische Behörden Mädchen und Frauen behandelt haben, die im Zweiten Weltkrieg zu deutschen Soldaten ein Verhältnis hatten.

Es hat lange gedauert, bis diese Entschuldigung ausgesprochen wurde.

Deshalb haben wir allen Grund, denen zu danken, die Licht in das Schicksal dieser Gruppe gebracht haben: Einzelpersonen, die den Mut hatten, sich zu äußern, Frauen und Männer: Journalisten, Schriftsteller, Politiker, Wissenschaftler.

Am allermeisten aber danken wir denen, die uns ihr eigenes Schicksal geschildert haben: die Frauen, die direkt betroffen waren, und deren Kinder.

Wir danken Ihnen persönlich dafür, dass Sie gezeigt haben, wie auch Norwegen sich nicht an die gewöhnlichen Regeln des Rechtsstaats gehalten hat.

 

Den Originaltext auf Norwegisch finden Sie hier.